Innere Leere verstehen und mit Sinn füllen

Vor Kurzem musste bei uns auf dem Hof ein Kastanienbaum gefällt werden, da er, wie der Baumpfleger sagte, altersbedingt innen unstabil war und drohte, bei einem Unwetter umzufallen.


Das hat mich überrascht, denn der Baum hatte einen sehr dicken Stamm und wirkte auf mich mächtig. Aus seinen Ausführungen lernte ich, dass der Baum, wenn er im Kern faul wird, beginnt im äußeren Bereich des Stamms schneller zu wachsen, um die fehlende innere Stabilität auszugleichen.


Der Stamm ist dann zwar sehr dick, aber im Kern wird er immer labiler. Je mehr sich die Fäulnis innen ausbreitet, desto dicker wird der Stamm. Dennoch ist das natürlich nur eine „Notlösung“, und der Baum wird früher oder später umfallen.




Warum erzähle ich das?


Sinnbildlich gesprochen ist es bei uns Menschen auch so. Von klein auf wurden wir dazu konditioniert, immer mehr Dinge „hinzuzufügen“: wir gehen in die Schule, um zu lernen, später machen wir eine Ausbildung oder studieren, um dann Geld, Titel, Status zu verdienen, uns Dinge leisten zu können, Ansehen zu erwerben und glücklich zu leben.


Selten wurden wir dazu ermutigt, uns mit den grundlegenden Fragen unserer Existenz zu beschäftigen. Wer bin ich wirklich? Was will ich? Was ist der Sinn des Lebens? Es gibt zwar durchaus auch in unserer Kultur Ansätze, sich mit diesen Fragen auseinanderzusetzen, aber im gewöhnlichen Lebensweg eines Menschen spielen diese Fragen in unserer Gesellschaft eine untergeordnete Rolle.


Im Unterschied zum Baum, dessen innerer Verfall ein natürlicher Alterungsprozess ist, haben wir uns also von Beginn an daran gewöhnt, Stabilität im Außen zu suchen. Unserem inneren Kern, der für wahre Stabilität und Sicherheit steht, haben wir keine oder wenig Aufmerksamkeit gegeben.


Es ist also eine Art innere Leere entstanden, ein Gefühl der inneren Unsicherheit, das uns Angst macht und dem wir - meist unbewusst - versuchen zu entfliehen, indem wir uns auf unterschiedlichste Arten ablenken.


Nahezu alle unsere Aktivitäten können unter diesem Gesichtspunkt betrachtet werden. Unterhaltung, Konsum, Arbeit, Sport, Essen, Sex, Beziehungen … nichts davon ist für sich betrachtet schlecht, aber: das Problem daran ist, dass wir die innere Leere damit nicht füllen können.


Wir können uns zwar kurze Befriedigungen oder ein Sicherheitsgefühl im Außen verschaffen, aber solange wir unserer inneren Sehnsucht nach wahrer Erfüllung keine Aufmerksamkeit geben, werden wir uns immer leerer fühlen.


Bei vielen Menschen rückt der Wunsch nach einem sinnerfüllten Leben etwa ab Mitte 30 verstärkt ins Bewusstsein. In diesem Alter haben wir schon einiges erreicht und erlebt, und es tauchen nun Fragen auf wie:

  • Ist das alles?

  • Wie lange will oder kann ich so weiter machen?

  • Wer bin ich?

  • Was will ich wirklich?

  • Wie will ich leben?

  • Was ist überhaupt der Sinn des Lebens?

Um diese Fragen für uns beantworten zu können, müssen wir mit uns selbst, mit unserem eigenen Inneren in Kontakt kommen. Da wir uns aber daran gewöhnt haben, im Außen nach Erfüllung zu suchen, wissen wir oft nicht, wie wir das anstellen sollen.


Vielleicht haben wir gehört, dass wir uns in die Stille begeben sollen, meditieren oder ähnliches, aber im Grunde genommen fürchten wir uns davor, das zu tun, weil wir dann mit dem Gefühl der inneren Leere konfrontiert werden.


Es gelingt uns nicht, wirklich still zu werden, sondern wir fühlen noch mehr Druck und negative Gefühle. Also machen wir es weiterhin so wie der Baum und fügen Dinge im Außen hinzu, oder wir lenken uns ab, indem wir uns kleine emotionale „Kicks“ verschaffen: zum Beispiel Süßes oder Chips essen, emotionsgeladene Filme ansehen, Alkohol trinken usw.


Wir fürchten uns vor der Leere, weil wir nicht gelernt haben, die Stille auszuhalten. In der lärmenden Welt sind wir es nicht gewohnt, Stille und Ruhe wirklich zu erleben. Außerdem haben wir vielleicht die Erwartung, dass die Stille nichts weiter zu bieten hat, außer dass wir uns mit unseren negativen Gedanken und Gefühlen konfrontiert sehen und diesen ausgeliefert sind.


Doch vielleicht ist das gar nicht so schlimm, wie wir befürchten?


Ich möchte dich dazu einladen, die Stille bewusst zu erleben, ohne eine bestimmte Technik anzuwenden oder irgendein Ergebnis erzielen zu müssen. Es ist dafür zunächst nur ein Schritt notwendig: halte einen Moment inne und erlaube dir, die innere Leere für einen Moment bewusst zu erleben.


Ich habe zum Beispiel in der letzten Zeit immer wieder während der Büroarbeit ein Gefühl der Sinnlosigkeit erfahren. Anstatt es zu übergehen oder mich mit Arbeit abzulenken, habe ich mich einige Minuten darauf eingelassen, das Gefühl wirklich zu ERLEBEN.


Im ersten Moment ist das natürlich nicht angenehm, aber je mehr ich mich darauf einließ, empfand ich plötzlich innere Ruhe und eine tiefe Dankbarkeit dem Leben gegenüber.

Es geht zunächst wirklich nur darum, einfach diesem Gefühl, das ich hier „innere Leere“ nenne, Raum zu geben und es bewusst zu erleben.


Zunächst musst du bemerken, wann das Gefühl auftaucht. Es muss nicht unbedingt sein, dass dich ein besonders starkes Gefühl der inneren Sinnlosigkeit befällt.



Praktische Umsetzung:


Nimm zum Beispiel einen Moment, in dem du gerade dem spontanen Impuls nachgehen wolltest, im Außen etwas hinzuzufügen: einen Kaffee zu trinken, zwischen den Mahlzeiten etwas zu essen, eine Zigarette zu rauchen, das Smartphone hervorzuholen, um in den sozialen Netzwerken zu stöbern …


Gib dir nun ein paar Minuten Zeit, dich selbst in dem gerade vorherrschenden Gefühl zu erleben. Setze dich nicht damit unter Druck, den ursprünglichen Impuls unterdrücken zu müssen! Wenn du beispielsweise eine Zigarette rauchen wolltest, behalte dir vor, das in wenigen Minuten zu tun.